Fachkräftemangel Schweizer Spitäler

Fachkräftemangel in der Pflege

Ginge es im Gesundheitswesen um die reine Lehre des Marktes, müsste die Knappheit in den Gesundheitsberufen für steigende Löhne sorgen und damit für eine steigende Anzahl an Bewerbern. Jedoch stellt sich im Gesundheitswesen die Lage anders da. Hier geht es um bildungspolitische Fragestellungen und andere Abhängigkeiten.  An den eidgenössischen Pflegefachschulen werden 1.800 Fachangestellte Gesundheit Fage weniger ausgebildet, um den jährlichen Bedarf zu decken. Bei den Absolventen des Studienfaches Bachelor of Science in Pflege fehlen 3.000 Studierende pro Jahr. Ist die Schweiz noch vor ein paar Jahren ein beliebtes Land für Pflegefachkräfte aus Deutschland und Polen gewesen, hat sich die Zuwanderung aus diesen Ländern mehr als halbiert. Hinzu kommt, dass die Verweildauer in den Pflegeberufen bei weniger als sieben Jahren liegt, so dass nicht nur ausreichend Pflegekräfte nachrücken, sondern die Fachkräfte frühzeitig ihren Beruf verlassen. Damit steht das Schweizer Gesundheitssystem vor ähnlichen Herausforderungen wie in Deutschland, das seit mehr als dreißig Jahren über einen Fachkräftemangel in der Pflege klagt.

Fachkräftemangel in der Medizin

Bei den Ärzten stellt sich die Situation ähnlich dar. Der Bedarf kann nur durch ausländische Fachkräfte gedeckt werden. In den Spitälern arbeiten derzeit 24.000 Mediziner, von denen 41,9% ihre Approbation im Ausland erworben haben. Bereits im Jahr 2000 bemerkt der Bildungspolitiker und Abgeordnete im Nationalrat, Rudolf Strahm, dass das Schweizer Gesundheitssystem ohne ausländische Hilfe nicht funktionieren würde.

Im Jahr 2002 liegt der Anteil an ausländischen Pflegefachkräften bei 33%. Nach Einführung der Dienstleistungsfreiheit von Fachkräften aus der EU und dem Efta-Raum steigt das Verhältnis auf 36%, Tendenz steigend. Der Fachkräftemangel in der Pflege geht auf die Zeit zwischen 1995 und 2005 zurück, in der lediglich 3.000-4.000 Fachangestellte Gesundheit pro Jahr ausgebildet werden. Der jährliche Bedarf, so Rudolf Strahm, liegt bereits in dieser Zeit bei 7.000 Pflegefachkräften. Das Schweizer Ausbildungssystem produziert einen Personalmangel von jährlich mehr als 3.000 Pflegekräften.


Fachkräftemangel in Schweizer Spitälern

Die Schweizer Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) (www.gdk-cds.ch) macht auch ein mangelndes Verständnis für die Anforderungen in einem modernen Spital für den Fachkräftemangel in der Pflege fest. Es ist zwar gelungen, den Fachkräftebedarf bei den Fachangestellten Gesundheit zu reduzieren, nicht jedoch bei den diplomierten Pflegekräften, deren Kompetenz aber notwendig ist, um den hochtechnologischen Anforderungen des Klinikalltages gerecht zu werden. 


Zwar ist seit dem Jahr 2006 eine leichter Anstieg an Absolventen des Bachelor of Science in Pflege zu beobachten, der den Anteil an ausländischen Pflegekräften auf 33% zurückfallen ließ. Jedoch können in der akademisierten Pflege die Bedarfslücken kaum geschlossen werden. Der Anteil am nicht-Schweizer Pflegepersonal stellt sich gemäß den Regionen unterschiedlich dar: Am Genfer See liegt ihr Anteil bei 53,7%, im Tessin bei 49,4% und im Landesinneren bei 18,4%. Zürich als größte Stadt der Schweiz hat einen Ausländeranteil von 39,4%.

Fachkräftegewinnung Schweiz

Fachkräftegewinnung Schweiz

Das Schweizer Bildungssystem

In den letzten Jahren hat das Berufsbild der Fachangestellten Gesundheit Fage an Popularität gewonnen und die Ausbildungszahlen steigen. Im Jahr 2014 können aufgrund der Anstrengungen im Gesundheitswesen, so die Projektleiterin Annette Grunig des GDK, 4047 neue Ausbildungsplätze in der Berufsgruppe der Fage zur Verfügung gestellt werden. Die Anhebung hängt auch mit der besseren finanziellen Ausstattung zusammen. Damit liegt diese Berufsgruppe mittlerweile an dritter Stelle der beliebtesten Ausbildungsberufe in der Schweiz.

 

Die Anzahl an Absolventen der Berufsausbildung Fage liegt damit überhalb der Anzahl an Absolventen des Bachelor of Science in Pflege. Bei letzteren sind es lediglich 3430 junge Menschen. Die bessere Finanzierung von Ausbildungsplätzen Fage hat dafür gesorgt, dass der Fachkräftemangel in dieser Berufsgruppe nachlässt. Seit 2013 kommen jährlich 5650 Fage auf den Arbeitsmarkt. Beim akademischen Pflegefachpersonal sind es hingegen nur 2250. 


Dadurch, so der Geschäftsführer des Schweizer Spitalverbandes H+, Bernhard Wegmüller, fehlen der Schweiz jährlich bis zu 3450 Pflegekräfte. Durch die Ausbildung und das Studium werden gerade einmal zwei Drittel des jährlichen Bedarfes gedeckt. Um die Bedarfslücke zu schließen, müssten enorme finanzielle Anstrengungen unternommen werden, so Wegmüller. Er schätzt bei einem Aufwand von 20.000 CHF pro Pflegefachkraft/Jahr, müssten 70.000.000 Mio. CHF investiert werden, um die Bedarfslücke an 3.500 Pflegekräften zu schließen. Rudolf Strahm vertritt hingegen die Meinung, dass der reine finanzielle Aufwand nicht zwangsläufig zu mehr Pflegekräften führe, denn im Jahr 2014 werden 4.500 Bewerber auf einen Ausbildungsplatz bzw. auf einen Studienplatz nicht zugelassen. Es fehlen die Plätze. Durch die reine Anhebung der Finanzmittel werde es nicht zwangsläufig mehr Absolventen geben. Bei den Medizinern sieht es nicht anders aus. Auch hier würde es eines enormen finanziellen Aufwandes bedürfen, um den Fehlbedarf auf dem heimischen Markt zu decken. Im Jahr 2014 arbeiten 33.000 Ärzte in der Schweiz, von denen 10.000 ihren Titel im Ausland erworben haben. 24.000 Ärzte arbeiten in Spitälern. Der Anteil an ausländischen Ärzten ist in den Spitälern mit 41,9% noch höher als im Landesdurchschnitt. 

Im Jahr 2014 teilt das Bundesamt für Gesundheit BAG mit, dass 836 Ärzte ihre Approbation aufgrund eines Schweizer Studiums, während 2.846 ihre Approbation auf der Grundlage von ausländischen Abschlüssen erhalten haben. Das Schweizer Gesundheitssystem müsse aktiv im Ausland rekrutieren, weil es nicht genügend freie Plätze an den Schweizer Universitäten gebe: Im Jahr 2014 stehen 4536 Bewerbungen 1628 freien Studienplätzen gegenüber. Da nicht alle Aspiranten ihr Studium beenden,halbiert sich ihre Anzahl zum Studienende. 836 Approbationen stehen einem Bedarf von 1.300 Medizinern gegenüber.


Ein Studienplatz in der Medizin kostet zwischen 500.000 und 700.000 CHF. Rechnet man die Kosten für die Klinischen Studien hinzu, kommt man auf eine Gesamtsumme von mehr als 100 Mio. CHF pro Jahr. In Bern hat man in den letzten Jahren die Anzahl an Studienplätzen von 150 auf 220 angehoben. Laut Angaben des grünen Abgeordneten Bernard Polvo wären weitere Millioneninvestitionen nötig: „Wir brauchen neue Gebäude und mehr Dozenten, um die Qualität des Medizinstudium aufrechtzuerhalten“ Zu den kalkulierten 100 Mio. an jährlichen Zusatzkosten kommen noch Investitionen in Infrastruktur und Unterhalt der Gebäude hinzu.


Zuständigkeiten im schweizer Gesundheitssystem

Der Schweizer Bundesrat erkennt den steigenden Bedarf an medizinischem Personal, insbesondere an akademisierten Pflegekräften und Ärzten. Jedoch liegen die Zuständigkeiten bei den jeweiligen Kantonen und Universitäten, die seit 2006 bereits die Anzahl an Studienplätzen um 45% erhöht haben. Der Bundesrat empfiehlt eine zusätzliche Erhöhung der Studienplätze bis zum Jahr 2017/2018 um 800-1000 Plätze. Somit kann der Fehlbedarf gedeckt werden und für die deutsch-Schweizer Kantone die sukzessive Abschaffung des Numerus Clausus. Die Universitäten von Basel, Bern, Freiburg, Genf und Zürich hoffen auf Geld aus dem Bundesrat. Auch wenn der Bundesrat finanzielle Zusagen für die Jahre 2017-2020 gemacht hat, bleiben die Kantone skeptisch:

„Man müsse ganz einfach zeigen, dass die Finanzierung zielführend ist und nicht aus anderen Bereichen des Bildungswesens eingespart werden darf“, bemerkt Christoph Eymann (LDP), Regierungsrat aus Basel. Es wäre kein Problem, den Numerus Clausus an den deutsch-Schweizer Universitäten abzuschaffen, um die Einstiegsbarrieren zu verringern. In Genf oder Lausanne kennt man ohnehin keinen NC: „Die Erhöhung der Anzahl an Ärzten findet durch die Erhöhung der Studienlätze statt“, sagt die Regierungsrätin für Bildung in Zürich, Regine Aeppli (SP). Der Numerus Clausus sorge nicht nur dafür, dass weniger Menschen das Studium der Medizin und der Pflegewissenschaften aufnehmen, sondern halte bereits im Vorfeld die Menschen davon ab, sich überhaupt für einen Studienplatz zu interessieren.